MOMENTE (2011)

01 Druck steigt feat. Tapete

Refpolk:
Das ist für dich – spürst du, wie der Druck steigt?
wie der, wie der Druck steigt, wie dich alles umkreist?
das ist für dich – merkst du, wie es eng wird?
wie es, wie es eng wird, wie dich alles wegdrängt?
das ist für mich – cool sein ist nicht
denn mein Blick ist zu verpixelt
Ne-Ne-Nebelschwaden
Tränengas-Granaten – warte
shit, es dauert nicht mehr lange, bis hier alles platzt – die
Wand vor mir kommt langsam auf mich zu, ich spür’ die Angst – ich
kann nicht mehr weg hier – kann nicht mehr wegkomm
meine Sorgen lähmen mich – was willst du jetzt tun?
guck nur, wie der Deckel sich anhebt
du weißt, dass das so nicht mehr lang geht
wie wir mit dem Rücken zur Wand steh’n
es wird Zeit, dass wir das angeh’n

Hook (Cuts: DJ KaiKani):
Zähneknirschen, Händezittern, Herzrasen – Druck steigt
nachts wach, Alpträume, verschlafen – Druck steigt
Lampenfieber, Puls rast, Schweiß fließt – Druck steigt
Mund trocken, Übelkeit – Druck steigt

Refpolk:
Das ist für dich – spürst du, wie der Druck steigt?
wie der, wie der Druck steigt, wie dich alles umkreist?
das ist für dich – merkst du, wie es knapp wird?
wie es, wie es knapp wird, wie dich alles abwürgt?
das ist für mich – vorne, hinten, links, rechts gibt’s nicht
denn mein Blick geht grade aus und ist befestigt
rächt sich – leben auf Sparflamme – aber
ich bewahr’ den Schein wie Sparsame
alles ein – Schachbrett – Marathon – schnell sein
anpassen – mach’ es – alle woll’n – Bestzeit
unter Druck – nur Stress – kraftlos – Luft raus
unter uns – Frust wächst – Wut kommt – muss raus
guck nur, wie der Deckel sich anhebt
du weißt, dass das so nicht mehr lang geht
wie wir mit dem Rücken zur Wand steh’n
es wird Zeit, dass wir das angeh’n

Hook

Tapete:
In sich gehen, einatmen
ausatmen – Druck fällt
Glücksgefühle, Zeit für dich
Zeit für Spiele – Druck fällt
hundertmal kauen vor dem
runterschlucken – Druck fällt
falsch geatmet, fast erstickt
Hustenanfall – Druck steigt

Hook

03 Geschichte wird gemacht

Du wirst gebor’n in Deutschland – Anfang letztes Jahrhundert
nix zu tun mit Gesocks, das am Wegrand rumlungert
blaues Blut, keiner vom einfachen Volk
ein Mann mit Anseh’n, Ehre und Stolz
Leute wie du werden gebraucht, Mut zur Tat
und am Start für dein Land, stets ein guter Rat
von der Volksgemeinschaft begeistert
steigst du steil auf in der Reichswehr
’39 kannst du keinen Grund erkennen umzudenken
bist dabei im Kampf gegen Untermenschen
total überzeugt in den Krieg und gesiegt
aber du merkst, das mit dem Krieg wird zu viel
und du zögerst, doch du bleibst’n echter Mann
denkst nach, wie du dich vor der Niederlage retten kannst
und du bringst das Opfer, bringst die Bombe
hin, es misslingt und wirst erschossen
ein Mann, ein Patriot, und du gingst dein’ Weg
ein deutscher Held für die deutsche Identität
alle haben dich im Kino geseh’n
und Deutschland darf dank dir in Kriege zieh’n

Hook (Cuts: DJ KaiKani):
Also, mach sie – komm, mach sie oder du wirst verschwinden

Du wirst gebor’n in Deutschland – Anfang letztes Jahrhundert
viel mehr weiß ich nicht – ist auch kein Wunder
keine reichen Eltern – du machst alles selbst
eine Frau ohne Anseh’n, ohne Macht, ohne Geld
plus die falsche Religion, falsche Meinung
und im Endeffekt völlig falsche Existenz
’35 wird es offiziell und die Deutschen lernen
du bist ‘ne Bedrohung für die deutsche Ehre
du entscheidest, den Mördern, den Kampf anzusagen
deine Gruppe beginnt, einen Anschlag zu planen
das Ziel: eine Ausstellung und die reine Propaganda dort
ihr bereitet einen Brandsatz vor
doch du wirst verraten und du kommst in Haft
es dauert nicht lange, du wirst umgebracht
du bist kaum bekannt – ohne Namen, ohne Gesicht
wer außer den Männern in schwarz hat deinen Tod mitgekriegt?
kein Mann, kein Patriot, dich hat niemand geseh’n
‘ne Jüdin, Kommunistin, falsche Identität
du bist nur ein Opfer unter viel’n geblieben
und Deutschland darf dank dir in Kriege zieh’n

Hook
Und du lebst jetzt – und das ist verdammt lange her
deine Täter, deine Opfer, alles passt immer mehr
Stauffenberg? Bundeswehr-Funktionär
Hella Hirsch hätt’ mehr zu sagen, wenn sie nicht verschwunden wär’

Deutschland – vom Opfer zum Kinoheld
und dank Auschwitz nochmal im Krieg zu seh’n
denn Geschichte wird gemacht – du hast gelernt und bereut
du bist ein Land mit Anseh’n, Ehre und Stolz
und ich leb’ jetzt – und es bleibt verdammt lange her
ich weiß zu wenig von Gestern, um mir alles zu erklär’n
suche keine Helden, guck, ich such’ nur meine Leute
Menschen aus dem Widerstand von unten und Verfolgte


ich habe nur Beat, Stift, Blatt Papier und Raps
doch Geschichte wird gemacht – komm, wir machen sie – jetzt

Hook

04 Stein im Mosaik

Komm und steig’ ein in die Linie 1 – Westberlin, 80er Jahre
nimm einen Zug, der ersten Luft, die ich atme
lauf durch die Straßen und dann lausch ihren Sprachen
bin ein Kind dieser Tage mit einem Blick voller Fragen
sieh besetzte Häuser – 1. Mai im Dreck von Kreuzberg
alles weit weg vom Rest von Deutschland
kommunistische Gruppen, Kurdistan und Kader
Kommun’ von ‘ner Jugend ohne Tugend doch’m Traum für die Zukunft
Schrei nach Frieden – kleine Siege – viele Ziele
Busse bringen dir den Tod auf der Berliner Linie
alle wissen noch, wer schoss am 2. Juni
und die Waffen sind noch da, weil es noch Wut gibt
wenn du in den Knast fährst, weiß ich nicht, was Knast bedeutet
zum Glück weiß ich das bis heut’ nicht
viel zu klein, um zu peil’n, was hier los ist
behalt’ die Details, setze sie wie ein Puzzle

Hook:
Komm und halte die Zeit, weil sie gleich wieder verfliegt
leg’ Detail auf Detail, bis du weißt, wie dir geschieht
was dir bleibt als Geleit für die Zeit, die vor dir liegt
sind Details fast so klein wie ein Stein im Mosaik

Komm und steig ein und wir fahr’n ein Stück – Wendland, 90er Jahre
ein Hauch von Aufbruch, Leute versammelt
schau’n auf den Zug, komm und lausch, was sie ruf’n
und dann lauf durch die Menge voller Trauer und Wut
sieh die Bauern zwischen Grundbesitz und Transpis malen
Bürgerinnen zwischen Bürgersteig und Barrikaden
wenn der Strahlentod rollt, gibt es keine Schule
und der Totengräber gräbt seine eigne Grube
Bullen schlagen blind in die Menge, Menschen bluten
Scheine fließen – Steine fliegen – keine Zeit für Ruhe
alle wissen noch, wer 1004 geräumt hat
wer gekämpft, wer gelebt, wer geträumt hat
dis und irgendwo da drin ein kleines Kind an deiner Hand
das das aufnimmt, was es dort sieht, und nicht vergisst
viel zu klein, um zu peil’n, was hier los ist
behalt’ die Details, setze sie wie ein Puzzle

Hook

Such nach Halt und ich such’ in der Zeit
davon bleibt der Moment, der mich hoffentlich hält
in der Welt in meinem Kopf, vor meinem Kopf nur das Mic
vor dem Mic nur die Box, vor der Box liegt die Welt
und ich halt inne, stoppe die Zeit
und ich schreib’ dir die Hoffnung per Post und sie geht
von der Welt in mein’ Kopf, von meinem Kopf in das Mic
von dem Mic in die Box, von der Box in die Welt

06 So fremd

Hook:
“Abschied ist mir alltäglich
von dir und von der Welt” (Bettina Wegner – So alt bin ich geworden)

Du warst mir immer vertraut – ich wusste, hier bin ich zu Hause
wo ich jede Ecke kenne ohne einmal hinzuschauen
deine Bäume, deine Straßen, deine Häuser, deine Gassen
Teil von mir, weil ich hier ein Teil meiner Zeit verbrachte
und ich wollte niemals weg – das war keine Frage
denn ich brauchte, um zu leben, nur die Luft hier einzuatmen
und ich wollte niemals geh’n – das stand außer Frage
warum weglaufen vor dir, wenn ich doch hier erst laufen lernte?
doch was ist aus dir geworden?
ich gehe deine Wege und ich denke: Was hab’ ich noch hier verloren?
du bist einfach grau, du bist eine Gegend ohne Leben und Bewegung
alles wirkt wie in Stein gehau’n
leider ist für mich bei dir nicht länger Platz
schade, dass du dich so sehr verändert hast
du bist nix, was mich hält, du bist nicht mehr mein Ort
so fremd, so fremd – bist du mir geworden

Hook

Du warst mir immer vertraut – wir ham zusamm’ viel Zeit verbracht
Zeiten voller Glück, aber auch Zeiten voll mit Leid bepackt
das war selbstverständlich, wirklich, das war keine Frage
das war: du weißt, was ich mein, auch wenn ich gar nix sage
und ich ließ mich fall’n – ich hab’s wirklich sehr genossen, frag
mich nicht, ob ich noch einmal ein Mensch wie dich getroffen hab’
und ich lernte viel – manches über dich
doch das meiste, was ich lernte, waren Dinge über mich
ich steh’ vor dir, es ist kalt, denn wir sind beide kühl
ich hab dir nichts mehr zu sagen – alles wirkt so eingeübt
guck, wir langweil’n uns doch beide, was soll ich dir denn erzähl’n?
ich bin kein Mensch für Smalltalk, es ist besser, für mich jetzt zu geh’n
leider ist für mich bei dir nicht länger Platz
schade, dass du dich so sehr verändert hast
es gibt nix, was wir teil’n, keine Freuden, keine Sorgen
so fremd, so fremd – bist du mir geworden

Hook

Du warst mir immer vertraut – weil keiner mich so kennt wie du
du kennst die klein’ Details und jede Veränderung’
jede Macke, jede Stärke, jedes Lachen, jede Träne
all die Wege, die ich ging und die ich gehe
und du hast mich immer neu begeistert – ich weiß das zu schätzen
liebte dich für deine Stärken, deine Schwächen
und du hast mich immer treu begleitet – ich weiß das zu schätzen
deine Zweifel, die Kritik und deine Ängste
und ich schau dich an und denke: das ist wirklich eine Zeit lang her
kein Mensch kam mir je so nah wie du, doch du bist weit entfernt
und ich begreif es erst – jetzt – ja, ich weiß, es schmerzt
und das zu sagen fällt mir ziemlich schwer
aber leider ist für mich bei dir nicht länger Platz
schade, dass du dich so sehr verändert hast
und ich dreh’ mich weg vom Spiegel, mir fehl’n die Worte
so fremd, so fremd – bin ich mir geworden

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